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Mangelernährung: ein unbekanntes Thema. Magersucht oder Untergewicht?
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| 1,9 Millionen Mangelernährte - Deutschland bei ernährungsmedizinischer Versorgung im internationalen Vergleich Schlusslicht
Themen rund um Übergewicht und Diäten haben Konjunktur. Doch nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen Jahren neben der "Adipositas-Epidemie" ein Problemfeld aufgetan: Viele Menschen essen zu wenig und sind untergewichtig oder krankhaft mangelernährt. So unterschiedlich die Ursachen und Symptome hierfür auch sind, ein großes Problem stellt diese Unternährung nicht zuletzt dar, wenn der Betreffende erkrankt: 30% aller Patienten kommen mangelernährt in deutsche Kliniken.
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| Das Statistische Bundesamt (Wiesbaden) hat für das Jahr 2004 Zahlen zu den Körpermaßen der Bevölkerung nach Altersgruppen - Ergebnisse der Mikrozensus-Befragung im Mai 2003 - bekannt gegeben. Danach sind in Deutschland 2,3% der Bevölkerung mit einem Body-Mass-Index von weniger als 18,5 deutlich ungewichtig. Das entspricht rund 1,9 Millionen Menschen.
Besonders häufig untergewichtig und/oder mangelernährt sind dabei Jugendliche (oftmals essgestört) sowie Senioren. Aber auch Krankheiten wie Krebs, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Lungenerkrankungen wie COPD und auch HIV/AIDS führen zum Untergewicht. Wir sprachen über dieses Thema mit mit Sven-David Müller, Diätassistent und Buchautor (Gesund zunehmen).
Wie viele Untergewichtige und Mangelernährte gibt es in Deutschland?
In Deutschland leben nach dem aktuellen Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes zirka 1,9 Millionen Menschen mit einem Body-Mass-Index von weniger als 18,5. Normal ist ein BMI zwischen 20 und 25. Ab 25 liegt Übergewicht und ab 30 Adipositas vor. Aber der BMI macht keine exakte Aussage über den Ernährungsstatus.
In jedem Falle sind Menschen mit einem BMI von weniger als 18,5 nach internationaler Norm als untergewichtig zu bezeichnen. Mangelernährung kann ja auch nur einzelne Vitamine, Mineralstoffe aber auch Protein oder Energie betreffen. Das lässt sich nicht am Verhältnis von Körpergewicht und Körpergröße messen. Bezieht man Vitamin- und Mineralstoffmangel sowie andere Ernährungsparameter ein, sind sicher mehr als 1,9 Millionen Menschen mangelernährt.
Aktuelle Daten ergeben, dass 20 bis 30% der Krankenhaus-Patienten mangelernährt und/ oder untergewichtig sind. Besonders häufig betroffen sind Senioren, insbesondere in Alten(pflege)heimen, behinderte Kinder sowie Krebskranke.
Wie kann es in einem Wohlstandsland überhaupt Mangel- und Unterernährung geben?
In Deutschland sind tatsächlich rund 50% der Frauen und 65% der Männer übergewichtig. Eine Untersuchung des Robert-Koch-Institutes zeigt, dass jeder fünfte deutlich übergewichtig (adipös) ist und bereits jedes vierte eingeschulte Kind ist zu dick.
Aber Untergewicht und Mangelernährung sind nicht so deutlich sichtbar wie Übergewicht. Einen Vitamin- und/oder Mineralstoffmangel ist überhaupt nicht sichtbar. Praktisch die gesamte Bevölkerung nimmt zu wenig Jod, Fluorid und Folsäure auf. Solange es "in" ist, extrem schlank zu sein und in den Medien krankhaft untergewichtige Models zu sehen sind, nimmt Untergewicht zu.
Außerdem nehmen dadurch auch Essstörungen wie Anorexia nervosa, von der heute auch immer mehr junge Männer betroffen sind, zu. Aber die ernährungsmedizinische Versorgung in Deutschland ist erschreckend schlecht und die Ernährungstherapie mit Sondennahrung erfolgt häufig viel zu spät.
Haben wir also zu wenig Ernährungsmedizin in Deutschland?
Eindeutig ja - Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir eine völlig unzureichende ernährungsmedizinische Versorgung in Deutschland. Das fängt bereits im Medizinstudium an: Ernährungsmedizin kommt im Humanmedizinstudium praktisch nicht vor. In Deutschland verfügen nur 2% der Krankenhäuser über ein so genanntes Ernährungsteam, während in den USA schon vor 10 Jahren 37% darüber verfügten.
In Großbritanien waren es 30%. Ernährungsmedizinisch ist Deutschland eine Diaspora, also völlig
unterrepräsentiert. Im niedergelassenen Bereich ist es noch schlimmer. Da Diätetik und Diätberatung nicht als Heilmittel anerkannt und damit praktisch nicht abrechnungsfähig sind, findet Ernährungsmedizin mit Ausnahme von Diabetesschulung beim niedergelassenen Arzt praktisch nicht statt. Der renommierte Mediziner Professor Dr. Helmut Mann prägte den Satz: "Mehr Ernährungsmedizin tut Not!".
Da die Mehrzahl der Ärzte ernährungsmedizinisch nicht ausgebildet ist, stellt sich die Frage, wer in diätetischen- und ernährungsmedizinischen Fragen kompetent ist?
Die längste Tradition in der Diät- und Ernährungsberatung haben die Diätassistenten. Diätassistent ist ein gesetzlich geschützter und anerkannter Beruf. Die Ausbildung dauert 3 Jahre. Diätassistenten arbeiten in der Diät- und Ernährungsberatung sowie der Diätküche in praktisch jedem Krankenhaus und jeder Kurklinik. Viel zu häufig sind sie aber in der Küche und nicht an der ernährungsmedizinischen Front bei Patienten.
Daneben gibt es noch verschiedene Studiengänge: Oecotrophologie also Hauswirtschafts- und Ernährungswissenschaft sowie Ernährungswissenschaft. Die Abgänger dieser Studiengänge tragen nach der Diplomarbeit die Titel Dipl. oec. troph., Dipl. troph. oder Diplom Ernährungswissenschafter.
Wie ist die Ernährungssituation in Deutschland zu verbessern?
Natürlich muss das humanmedizinische Studium um ernährungsmedizinische Inhalte erweitert werden. Zudem ist es notwendig, dass Diätetik als Heilmittel anerkannt wird und Abrechnungsziffern geschaffen werden. Um die Mangelernährung besser zu beherrschen muss dem Ernährungszustand der Menschen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Natürlich muss der Ernährungszustand in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen aber auch im ambulanten Bereich regelmäßig ermittelt und dokumentiert werden.
Wichtig ist es aber auch, dass die Diagnose "Mangelernährung und/oder Untergewicht" zu einer angepassten Ernährungstherapie führt. Oftmals ist es erforderlich, durch Trinknahrungen die Kost zu ergänzen oder über Sonden zu ernähren. In einigen Fällen muss eine parenterale Ernährung erfolgen.
Enterale Ernährung muss zukünftig frühzeitiger erfolgen, um mangelernährungsbedingten Folgen zu entgehen und die Lebensqualität des Patienten zu fördern. Ernährungsmedizinische Maßnahmen sind relativ preiswert, haben aber ein enormes Einsparungspotential im Gesundheitswesen.
Wer sind die Ansprechpartner für Ernährungsfragen?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), ein eingetragener Verein, kümmert sich satzungsgemäß um die gesunderhaltende Ernährung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM), ebenfalls ein eingetragener Verein, ist vor allem mit den Problemen der enteralen und parenteralen Ernährung befasst.
Die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik, auch ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, hat sich der Ernährungstherapie verschrieben. Die Gesellschaft bündelt die Interessen der Verbraucher, der Ernährungsmediziner, Ernährungswissenschaftler sowie Diätassistenten und arbeitet dabei auch mit Verbänden und der Industrie zusammen. Ziel der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik ist die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Ernährungsmedizin - sie möchte alle Beteiligten an einen Tisch holen und auch die Industrie zur Mitarbeit im Sinne des Verbrauchers auffordern. Quelle: 4
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