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Jeder dritte Erwachsene leidet unter den Folgen von Jodmangel
Freitag, 26 August 2005


In Deutschland ist es nicht gelungen, den 1990 von den Vereinten Nationen (UN) gefassten Entschluss umzusetzen, den Jodmangel bis 2000 weltweit zu beseitigen. Wie der Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Jahreis von der Universität Jena, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Arbeitskreis Jodmangel in Berlin feststellt, wurde nach neuesten Untersuchungen (Papillon-Studie)bei 33,2 % der Bevölkerung eine Schilddrüsenvergrößerung entdeckt, bei 8,8 % der Deutschen Knoten in der Schilddrüse.



Etwa jeder dritte Erwachsene zeigt also Zeichen des Jodmangels. Dabei sind die neuen Bundesländer und Berlin am stärksten betroffen. Deshalb gilt für Deutschland die im Mai 2002 in New York beschlossene Verlängerungsfrist der UN bis 2005, um den Jodmangel endgültig zu beseitigen. Dieser macht in Deutschland jährlich etwa 100.000 Schilddrüsenoperationen und 35.000 Radiojodbehandlungen notwendig und belastet das Gesundheitswesen mit etwa einer Milliarde Euro pro Jahr.

Dass die bisherigen Präventionsmaßnahmen zu greifen beginnen, zeigt sich daran, dass sich die Jodaufnahme gegenüber 1975 nahezu verdoppelt hat. Es gibt nur noch selten Neugeborenen-Kröpfe, und Schulkinder haben heute weitgehend gesunde Schilddrüsen. Doch Jugendlichen und Erwachsenen fehlt durchschnittlich noch immer etwa ein Drittel der von der DGE empfohlenen Zufuhrmenge. Schwangere und Stillende, die Jod für zwei benötigen, haben ein noch größeres Defizit, wenn keine zusätzliche Prophylaxe mit Jodidtabletten erfolgt. Das bedeutet ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten und Entwicklungsstörungen beim Neugeborenen. Deshalb ist die erfolgreiche Jodmangelprophylaxe fortzusetzen.

Prof. Dr. Helmut Erbersdobler, Präsident der DGE, hält die Nährstoffzufuhr bei vollwertiger Ernährung nach den zehn Regeln der DGE für die meisten Bevölkerungsgruppen für ausreichend, doch in der Praxis lasse die Versorgung mit bestimmten Nährstoffen zu wünschen übrig. Deshalb habe sich die Anreicherung des Speisesalzes mit Jod und indirekt damit zubereiteter Lebensmittel inzwischen als erfolgreich erwiesen. Erwägenswert ist auch eine Anreicherung ausgewählter Grundnahrungsmittel (Mehl, Salz) mit Folsäure, um Neuralrohrdefekte in der Frühschwangerschaft und erhöhte Homocysteinwerte im Blut zu verhindern.

Zur Stabilisierung und weiteren Verbesserung der Jodzufuhr empfiehlt die DGE, wöchentlich ein- bis zweimal Seefisch zu verzehren und jodiertes Speisesalz zu verwenden. Nach der Zielsetzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte Jodsalz oder fluoridiertes Jodsalz in mehr als 90 Prozent der Privathaushalte verwendet werden, gegenwärtig sind es in Deutschland erst 80 Prozent. Die Devise des Arbeitskreises Jodmangel lautet deshalb: Wenn Salz - dann Jodsalz.

Dieses Motto müsse auch für die Außer-Haus-Verpflegung gelten, also für Kantinen, Mensen und die Gastronomie, ebenso für das gesamte Sortiment von Bäckern und Fleischern. Außerdem müsste die Ernährungsindustrie den Anteil mit Jodsalz hergestellter Lebensmittel von jetzt 35 auf 70 Prozent verdoppeln, um eine optimale Jodversorgung für die gesamte Bevölkerung zu erreichen. Dies scheitert gegenwärtig jedoch daran, dass in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten unterschiedliche Jodsalzverbindungen und Höchstmengen vorgeschrieben sind. Daraus leiten sich Handelshemmnisse ab, die dazu führen, dass international agierende Lebensmittelhersteller größtenteils kein Jodsalz bei der Herstellung ihrer Produkte verwenden.

Prof. Dr. Dr. Peter C. Scriba, Universitätsklinikum München, Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel, fordert deshalb eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Für alle EU-Staaten sollten einheitliche Verordnungen für Jodsalz in der Lebensmittelindustrie geschaffen werden, um mit Jodsalz hergestellte Lebensmittel ungehindert handeln zu können. Risikogruppen wie Schwangere und Stillende sollten ihren erhöhten Bedarf nach Rücksprache mit dem Arzt zusätzlich mit Jodidtabletten decken, gegebenenfalls auf eigene Kosten. Begleitend sind verstärkte, institutionsübergreifende Aufklärungsmaßnahmen sinnvoll.

Bedenken wegen möglicher Risiken der Jodmangelprophylaxe räumt Prof. Dr. Rolf Großklaus, Bundesinstitut für Risikobewertung, Berlin, aus. Über Jodsalz werden nur 100 Mikrogramm Jod aufgenommen, von denen keinerlei gesundheitliche Risiken ausgehen. Deshalb könne Jodsalz von allen Menschen uneingeschränkt verwendet werden.

Sorgen bereitet vielmehr der von der EU-Kommission vorgelegte Entwurf einer Richtlinie über den Zusatz von Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Zusatzstoffen zu Lebensmitteln, der jetzt einheitliche Regelungen für die freiwillige Anreicherung von Lebensmitteln schaffen soll. Der Arbeitskreis Jodmangel gibt zu bedenken, dass die direkte Jodanreicherung von Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs einen Systemwechsel bedeuten würde. Eine Gesundheitsgefährdung durch eine unkontrolliert hohe Jodzufuhr könne nicht ausgeschlossen werden, weil diese Lebensmittel in beliebiger Menge konsumiert werden. Der Jodanteil im Speisesalz hingegen sei so berechnet, dass keine Überdosierung erfolgt, auch wenn alle Lebensmittel mit Jodsalz hergestellt würden. Aus diesem Grunde fordert der Arbeitskreis Jodmangel, dass die Verwendung von Jod ähnlich wie bei Fluorid auf Salz beschränkt bleibt, wie dies u. a. auch die Weltgesundheitsorganisation und die Unicef befürworten. Quelle: 3



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